Die ganze Geschichte von Magdeburg in 21 Minuten
Stadtchronik
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Im Deutschen gab es einmal ein Verb, das aus dem Namen einer Stadt gebildet war: magdeburgisieren, eine Stadt vollständig vernichten. Es entstand nach dem 20. Mai 1631, als ein Heer der Katholischen Liga unter Tilly Magdeburg einnahm; rund 20.000 Menschen starben, nach der üblichen Schätzung etwa zwei Drittel der Einwohner, 2.000 bis 4.000 überlebten im Dom. Diese Folge erzählt die Stadtgeschichte an drei Wörtern, die aus diesem Namen gemacht wurden: dem Magdeburger Recht, das von der Elbe aus nach Osteuropa wanderte und über seine nördliche Variante, das Kulmer Recht, 1286 bis nach Königsberg kam; den Magdeburger Halbkugeln, mit denen Bürgermeister Otto von Guericke 1654 vor dem Reichstag in Regensburg den Luftdruck vorführte; und dem Verb, das heute niemand mehr benutzt. Dazu die zweite Zerstörung am 16. Januar 1945 und die beiden Wiederaufbauten, die nach völlig verschiedenen Grundsätzen abliefen. Zwei Ausfuhrgüter und eine Katastrophe – und das Wort, das verschwunden ist, ist das von der Katastrophe.
ZAHLEN IM ÜBERBLICK
968 – Otto I. macht Magdeburg zum Erzbistum; er stirbt 973 und ist im Magdeburger Dom begraben
1286 – Königsberg erhält Stadtrecht nach Kulmer Recht, der nördlichen Variante des Magdeburger Rechts
20. Mai 1631 – die Stadt fällt; rund 20.000 Tote, etwa zwei Drittel der Einwohner; 2.000 bis 4.000 Überlebende im Dom
1654 – Otto von Guericke führt die Magdeburger Halbkugeln vor dem Reichstag in Regensburg vor, Durchmesser etwa 42 cm
346.600 Einwohner im Jahr 1940 – der höchste Stand der Stadtgeschichte
16. Januar 1945 – Nachtangriff der Royal Air Force; rund 90 % der Altstadt und 15 Kirchen zerstört, 2.000 bis 2.500 Tote
314 Jahre liegen zwischen den beiden Zerstörungen
WO ES LIEGT
Magdeburg liegt an der Elbe, etwa 52° 08' N, 11° 38' O, an einer alten Übergangsstelle des Flusses. Westlich der Stadt beginnt die Magdeburger Börde, eine Lösslandschaft und eine der fruchtbarsten Ackerflächen Deutschlands. Der Dom steht über der Elbe am Südrand der Altstadt; das Industrieviertel Buckau, in dem Dampfmaschinen, Kessel und Kräne gebaut wurden, liegt südlich davon. Die beiden Städte, die in dieser Folge über das Recht mit Magdeburg verbunden sind, liegen weit entfernt: Kulm an der Weichsel, polnisch Chełmno, und Königsberg am Pregel, heute Kaliningrad.
AUSSPRACHE
Magdeburg: MAG-de-burg, Betonung auf der ersten Silbe. Magdeburger Börde: BÖR-de, mit langem Ö. Otto von Guericke: GÜ-ri-ke, nicht „Gue-ricke“. Johann T'Serclaes von Tilly: der Familienname ist flämisch, TSER-klas. Kulmer Recht: nach Kulm an der Weichsel, polnisch Chełmno, „Chem-no“. Schöffenstuhl: der Spruchkörper der Laienrichter, an den andere Städte ihre Rechtsfragen schickten.
WAS IN DIESER FOLGE OFFEN BLEIBT
Die Opferzahl von 1631 ist eine Größenordnung und kein Messwert. Es gab keine Einwohnerliste, niemand hat gezählt, und wie viele Menschen am Morgen des 20. Mai in der Stadt waren, ist nicht gesichert, weil Flüchtlinge aus dem Umland hinter den Mauern Schutz gesucht hatten. Rund 20.000 ist die Angabe, die sich in der Literatur durchgesetzt hat; die Schätzungen gehen je nach Quelle auseinander, und wer „zwei Drittel“ sagt, rechnet mit einem Nenner, den er nicht kennt. Offen ist außerdem, wer das Feuer gelegt hat: die Verteidiger, die Angreifer, oder niemand. Dieser Streit ist fast 400 Jahre alt. Die oft genannten Einwohnerzahlen der Jahre nach 1631 kommen in der Folge bewusst nicht vor, weil wir sie nicht belegen können. Und wer das Verb magdeburgisieren zuerst gebildet hat, lässt sich nicht feststellen.
HINWEIS ZU DEN BILDERN
Von Magdeburg vor 1631 existieren keine Fotografien und nur wenige verlässliche Ansichten. Das Bildmaterial dieser Folge besteht aus Karten, Stadtansichten, Stichen, historischen Fotografien und aus Illustrationen, die nachträglich entstanden sind, teils mit Bildgeneratoren. Solche Bilder sind Veranschaulichung, keine Quelle. Auf Darstellungen der Gewalt von 1631 und 1945 verzichten wir; was belegt ist, steht im gesprochenen Text und in den Zahlen oben.
QUELLEN
Grundlage sind die Stadtgeschichte Magdeburgs, die Literatur zur Zerstörung von 1631 und zur Magdeburger Hochzeit, die Forschung zum Magdeburger und Kulmer Stadtrecht, die Schriften zu Otto von Guericke und den Magdeburger Halbkugeln sowie die amtlichen Bevölkerungszahlen bis 1940 und die Angaben zum Luftangriff vom 16. Januar 1945. Die vollständige Quellenliste mit Autor und Jahr tragen wir in diesem Block nach. Wenn Sie eine Angabe prüfen oder korrigieren wollen, schreiben Sie es in die Kommentare oder an [KONTAKT], dann steht die Korrektur hier und nicht nur unter dem Video.
Stadtchronik. Städte und ihre Geschichte. Folge für Folge.
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