Bundeswehr verschrottete 529 MT-LB der NVA — heute kämpft die Ukraine genau damit
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Am vierten Oktober neunzehnhundertneunzig erbte die Bundeswehr aus den Beständen der Nationalen Volksarmee fünfhundertneunundzwanzig leichtgepanzerte Mehrzweckzugmittel vom Typ MT-LB. Sechs verschiedene Rollen, gebaut auf einer einzigen Wanne — Pionierfahrzeug, Führungsmaschine der Panzerjäger, Mörserträger, Batteriechef-Wagen, dazu vierundzwanzig Funkmessstationen AFMS-zehn und achtzehn hochautomatisierte Stabsfahrzeuge des Systems PASUV.
Was geschah mit diesen fünfhundertneunundzwanzig Maschinen?
Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz sortierte sie in Kategorie drei — Ausschluss der Nutzung und Verwertung. Im Klartext: Schrott. Bis Mitte der neunziger Jahre war kein einziger MT-LB mehr im deutschen Heer. Während Schweden vierunddreißig Brückenleger aus DDR-Beständen kaufte, Finnland sechzehn nahm, Griechenland Luftabwehrsysteme erhielt und die Türkei Schützenpanzerwagen bekam, fanden die Mehrzweckzugmittel keinen Käufer. Sie gingen unter den Schneidbrenner.
Dreißig Jahre später steht dieselbe Maschine im Zentrum eines europäischen Krieges. Russland verfügt nach aktuellen Angaben über etwa eintausendvierhundertdreiundneunzig MT-LB im aktiven Bestand. Die ukrainischen Streitkräfte setzen eigene Exemplare, erbeutete russische Fahrzeuge und im Hochbetrieb produzierte Eigenumbauten ein. Beide Seiten installieren Kampfmodule, schweißen Zusatzpanzerung, montieren BMP-eins-Türme auf die Wannen. Aus dem schlichten Zugmittel der siebziger Jahre wird das meistgenutzte gepanzerte Kettenfahrzeug des Krieges.
Das Charkower Traktorenwerk, in dem die fünfhundertneunundzwanzig deutschen Exemplare einst zusammengeschweißt wurden, liegt seit zweitausendzweiundzwanzig schwer beschädigt. Eine Serienproduktion in größerem Umfang gibt es nicht mehr. Wer die Maschine damals weggeworfen hat, kann sie heute nicht einmal mehr nachbestellen.
Im Heer der Bundeswehr von zweitausendsechsundzwanzig klafft zwischen dem knapp drei Tonnen schweren Wiesel und dem über vierzig Tonnen schweren Puma eine Lücke, in die das zwölf Tonnen leichte Universalkettenfahrzeug genau hineinpassen würde. Diese Lücke wurde auch mit dem einhundert Milliarden Euro schweren Sondervermögen nicht geschlossen — weil sie auf keiner Beschaffungsliste steht.
Diese Folge erzählt die Geschichte einer Entscheidung aus dem Jahr neunzehnhunderteinundneunzig, deren Preis heute auf einem ukrainischen Schlachtfeld sichtbar wird. Mit Originalzahlen aus der Drucksache zwölf zweitausendsechsundzwanzig des Deutschen Bundestages, aus den Übergabelisten der NVA und aus aktuellen Fachpublikationen zum Russo-Ukrainischen Krieg.