Roter Faden Hoffnung/ heute und morgen Tagesevangelium 29.10
Beno Kehl
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Roter Faden Hoffnung/ heute und morgen Tagesevangelium 29.10
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Beno Kehl
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Der rote Faden der Hoffnung nach Lukas (13,31-35) für heute:
In jener Zeit kamen einige Pharisäer zu Jesus und sagten zu ihm: Geh weg, zieh fort von hier, denn Herodes will dich töten.
Er antwortete ihnen: Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen, heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet.
Doch heute und morgen und am folgenden Tag muss ich weiterwandern; denn ein Prophet darf nicht außerhalb Jerusalems umkommen.
Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.
Siehe, euer Haus wird euch selbst überlassen. Ich sage euch: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, in der ihr ruft: Gepriesen sei er, der kommt im Namen des Herrn!
Eine dramatische Szene auf dem Weg nach Jerusalem: Einige Pharisäer warnen Jesus vor Herodes Antipas, der ihm nach dem Leben trachtet. Doch Jesus lässt sich von dieser Drohkulisse nicht einschüchtern. Wenn er Herodes einen „Fuchs“ nennt, entlarvt er dessen Stärke als hinterlistige Scheinmacht. Jesus setzt dem Zerstörungswillen sein Programm des Lebens entgegen: Er heilt, befreit und richtet auf – „heute und morgen“. Wenn er sagt, „am dritten Tag werde ich vollendet“, weiß er genau um sein bevorstehendes Sterben. Er weicht dem Tod nicht aus, sondern stellt sich ihm, weil er tief im Innersten weiß: Sein Leben liegt nicht in der Willkür eines Herrschers, sondern in Gottes Händen – und genau so ist es gut und richtig.
Gleichzeitig wandelt sich seine Entschlossenheit in tiefen Schmerz, als er an Jerusalem denkt. Er gebraucht eines der zärtlichsten Gottesbilder der Bibel: Gott als Henne, die ihre Küken vor dem Sturm unter ihre schützenden Flügel sammeln will. Die Tragik liegt in den Worten: „Aber ihr habt nicht gewollt.“ Gottes Allmacht findet ihre Grenze an der Freiheit des Menschen; seine Liebe zwingt niemanden, sie bleibt ein werbendes Angebot.
Genau diese Verbindung aus furchtloser Freiheit und Zärtlichkeit ohne jeden Zwang prägte auch den Heiligen Franziskus von Assisi. Als er sich 1219 im Fünften Kreuzzug unbewaffnet zum Sultan Malik al-Kamil wagte, führte er den ersten echten interreligiösen Dialog der Geschichte – auf Augenhöhe, ohne die Muslime überreden zu wollen. Stattdessen nahm er selbst reiche geistliche Schätze und eine tiefe Freundschaft mit nach Hause.
Franziskus war tief beeindruckt davon, wie sich die Muslime beim Gebetsruf ehrfürchtig vor Gott niederwarfen. Diese Hingabe lebt bis heute in unserer Gebetskultur weiter: Etwa im franziskanischen Gebet des „Adoramus te“ beim Kreuzweg, das mit einer tiefen Verneigung gepflegt wird, oder beim Angelusläuten, bei dem Menschen dreimal täglich auf den Glockenruf hin mitten im Alltag stillstehen und beten. Der Sultan schenkte ihm zum Abschied das Horn eines Muezzins – einen Ruftrichter, ganz ähnlich jenem Trichter, mit dem die Älpler in unseren Bergen bis heute jeden Abend den feierlichen Alpsegen über die Weiden rufen. Respektvoll nahm Franziskus dieses Horn mit, um zum Gebet zu rufen: Wahrer Glaube zwingt nicht, er ruft, verneigt sich und verbindet.
Auch sprachlich hat das Evangelium Spuren hinterlassen. Das Bild des „schlauen Fuchses“ für berechnende List ist uns ebenso vertraut wie die Redewendung „jemanden unter seine Fittiche nehmen“. Wenn wir heute Schwächere schützen, zitieren wir unbewusst die mütterliche Sehnsucht Jesu über Jerusalem.
Für unser heutiges Leben schenkt uns dieser Text eine tiefe Zuversicht: Wie Jesus müssen auch wir uns nicht von der Angst leiten lassen. Selbst wenn uns Krisen, eigene Grenzen oder unsere Endlichkeit vor Augen stehen, dürfen wir unserem Weg aufrecht folgen. Wir wissen, dass unser Leben und selbst unser Sterben letztlich in den guten Händen Gottes liegen – und dass es dort gut aufgehoben und richtig ist. Das macht uns frei, im „Heute und Morgen“ beharrlich das Gute zu tun. Zugleich lädt uns das Vorbild des Franziskus ein, anderen ohne Druck zu begegnen, beim Ruf zum Gebet innezuhalten und uns immer wieder vertrauensvoll unter Gottes schützende Flügel bergen zu lassen.
Barmherziger Gott,
manchmal wollen uns Sorgen und Ängste die Richtung rauben.
Schenke uns das tiefe Vertrauen Jesu, dass unser Leben bis zur Vollendung in deinen guten Händen liegt, damit wir uns nicht von der Angst leiten lassen, sondern heute und morgen Zeichen der Heilung setzen.
Lehre uns wie Franziskus die Weite des Herzens, die niemanden zwingt, sich in Ehrfurcht vor dir verneigt und im Alltag auf deinen Gebetsruf hört.
Sammle uns wie eine Mutter unter deine schützenden Flügel, damit unser Herz zur Ruhe kommt.
So bitten wir dich: Segne und behüte uns wie ein bergender Alpsegen, der am Abend über das Land klingt, stärke uns auf unseren Wegen und erfülle uns mit deinem Frieden, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.