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Eine neue Glocke für Rammelkam

Engerlingraucher

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Eine neue Glocke für Rammelkam

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Engerlingraucher
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...oder: wie ein Junggesellenabschied den Grundstein für ein richtungsweisendes Glockenprojekt legte. Rammelkam ist ein geschichtsträchtiger Ort. Erstmals wurde er im Jahr 926 urkundlich als "Rammincheima" erwähnt. Heute besteht Rammelkam aus dem Erdbeerhof der Familie Attenkofer sowie der Hofkirche St. Vitus. Sie birgt einen besonderen Schatz: die älteste, noch in Betrieb befindliche Glocke der Erzdiözese München-Freising. Es handelt sich dabei um eine um das Jahr 1200 herum gegossene, äußerst leichtrippige Zuckerhutglocke. Dass in St. Vitus schon vor vielen Jahrhunderten zwei Glocken hingen, beweisen die Seildurchlässe im Chorgewölbe. Die einst vorhandene zweite, sicher größere Glocke, ist zu einem unbekannten Zeitpunkt verschwunden. Aus diesem Grund wurde im Jahr 1859 eine neue Glocke von den damaligen Hofbesitzern Johann und Therese Oberhofer gestiftet. Gegossen wurde sie von Ignaz Bauer in München, jedoch schon im Ersten Weltkrieg vernichtet. Daraufhin erhielt St. Vitus ersatzweise die spätgotische Sterbeglocke der Pfarrkirche zu Grammelkam, die schließlich 1942 abgeliefert und eingeschmolzen wurde. Die Jahrzehnte vergingen und die altehrwürdige Zuckerhutglocke blieb allein... 2024 war schließlich das Jahr, in welchem die Verkettung glücklicher Umstände begann, die schließlich zum in diesem September durchgeführten und abgeschlossenen Glockenprojektes führten. Ein Junggesellenabschied im schönen Bayern war der ausschlaggebende Grund. Damals setzte der Verfasser dem heutigen Hofbesitzer Franz Attenkofer den berühmt-berüchtigten Floh ins Ohr: wäre es nicht eine Idee, das Geläut wieder auf seine ursprüngliche Zweistimmigkeit zu ergänzen und die neue Glocke vielleicht sogar auf dem Hofgelände zu gießen? Zunächst winkte Franz Attenkofer ab. Das Vorhaben schien viel zu teuer zu sein, bis schließlich im darauffolgenden Jahr das Telefon des Verfassers klingelte und nun doch konkrete Nachfragen zur Umsetz- und Finanzierbarkeit dieses Unterfangens kamen. Schnell war klar, dass dieses Glockenprojekt zumindest finanziell umgesetzt werden kann. Nachdem alle notwendigen Genehmigungen der Denkmalbehörden und der Erzdiözese erteilt wurden, konnte es an die konkrete Planung der neuen Glocke gehen. In jedem Fall stand fest, dass die neu zu gießende Glocke größer als die Vorhandene sein sollte. Und so reihte sich eins zum anderen, bestand doch hier nun die einmalige Chance, eine mit innenharmonischen Querständen behaftete Glocke aus der Zeit des Hochmittelalters adäquat und nicht nach der normbehafteten Ideologie des 21. Jahrhunderts zu ergänzen. Für den Verfasser stand es außer Frage, dass die neu zu gießende Glocke in keinem Fall als ein gescheitertes Experiment mit einer modifizierten Molloktavglocke in die Geschichte eingehen soll. Vielmehr war hier der Mut gefragt, einen Weg zu gehen, der in dieser Form in Deutschland noch nicht beschritten wurde. Die neue Glocke sollte in einer nahezu identischen Rippenkonstruktion wie die Vorhandene gegossen werden. Hinzu kam die Anfertigung eines massiven, aus einem Stück geschnittenen Eichenholzjoches, das Schmieden eines Flachballenklöppels mit Mondscheinvorschwung sowie der Einbau von Gleitlagern aus Bronze. Also ganz so, wie man es auch bei der spätromanischen Zuckerhutglocke antrifft. Für diese Arbeiten, inklusive des Gusses vor Ort, konnte der niederländische Glockengießer Simon Laudy gewonnen werden. Im April dieses Jahres vermaß der Verfasser die vorhandene Glocke, um schließlich die Rippe für die neue Glocke zu zeichnen. Der Plan sah vor, dass die neue Glocke im Schlagton cis'', also eine Quarte tiefer als die Zuckerhutglocke erklingen sollte. Doch wie so häufig beim Glockengießen und dem Nachkonstruieren historischer Glockenrippen, gab es nach der Glockengeburt eine Überraschung: die neue Glocke erklingt genau einen Halbton über dem ursprünglich geplanten Schlagton. Ebenso weist der Teiltonaufbau signifikante Änderungen gegenüber dem Original auf. Dennoch wirkt die neue Glocke als solistisches Instrument nicht wie eine Glocke unserer Zeit, und auch im Zusammenspiel mit der alten Glocke entsteht der Eindruck, dass man es mit einem hochmittelalterlichen Glockenpaar zu tun hat. Die von Anfang an gut durchdachte Herangehensweise in Bezug auf musikalisch und kunsthistorisch korrekte Aspekte führte zu einem Glockenprojekt, welches in seiner Umsetzung Modellcharakter besitzt und für zukünftige Projekte dieser Art hoffentlich richtungsweisend ist. Ich danke allen Beteiligten, insbesondere Franz und Christine, für das entgegengebrachte Vertrauen und die freundschaftliche Zusammenarbeit. Ein besonderer Dank gilt auch Simon und Eike für die einwandfreie handwerkliche Arbeit! Zuständigkeiten: Franz und Christine Attenkofer - Kirchenpfleger bzw. Auftraggeber Simon Laudy (Klokken- en Kunstgieterij Reiderland) und Eike Scherler - Glockenguss, Anfertigung aller restlichen Teile (Holzjoch, Klöppel etc.) sowie Montagearbeiten Matthias Dichter - Glockensachverständiger