Roter Faden der Hoffnung für heute / Senfkorn und Sauerteig / Tagesevangelium 27.10
Beno Kehl
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Roter Faden der Hoffnung für heute / Senfkorn und Sauerteig / Tagesevangelium 27.10
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Beno Kehl
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Der rote Faden der Hoffnung nach Lukas (13,18-21) für heute:
In jener Zeit sprach Jesus: Wem ist das Reich Gottes ähnlich, womit soll ich es vergleichen? Es ist wie ein Senfkorn, das ein Mann nahm und in seinen Garten säte; es wuchs und wurde zu einem Baum und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen. Noch einmal sagte er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es ist wie der Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war.
Jesus wählt für das Geheimnis des Reiches Gottes bewusst zwei Alltagsbilder: das kleine Senfkorn und ein wenig Sauerteig. Drei Sea Mehl ergeben weit über 50 Kilogramm Brot – fast das Gewicht eines menschlichen Körpers. Es ist ein tiefes Bild dafür, dass der gesamte Mensch vom Reich Gottes durchdrungen werden muss, um zu nährendem Brot für die Gemeinschaft zu werden. Das Senfkorn zeigt die Ordnung des Lebens: Das Reich Gottes ist zuerst lange im Werden – im Inneren der Erde, des Menschen und der Seele –, ehe es sichtbar wird. Organisches Wachstum braucht Stille, Geduld und Behutsamkeit. Schnell geht nur das Zerstören und Töten. Das Leben Gottes reift langsam in der Tiefe.
Der Sauerteig offenbart die innere Dynamik dieses Verwandlungsprozesses. Die Frau verbirgt ihn im Mehl – ein Hinweis darauf, dass Gottes Wirken reift, auch wenn wir im Dunkeln das Gefühl haben, es geschehe nichts. Doch wenn er durchgärt, brodelt es innerlich, Wärme entsteht und die Masse dehnt sich aus. Wenn dieser Geist uns durchsäuert, wirbelt er Altes nach oben. Erziehungsmuster von Eltern, Schule und Staat werden hinterfragt: Dient es den Regeln dieser Welt oder dem Reich Gottes? Gottes Gegenwart lässt uns nicht unverändert; sie strukturiert Leib, Seele und Geist neu und eröffnet eine ganz neue Art zu leben.
Diese Dynamik spiegelt sich zutiefst in der franziskanischen Spiritualität wider. Wenn die Bäume voller Vögel sind, wird dies zum Bild dafür, dass das Reich Gottes mitten unter uns angekommen ist. Franziskus wandte sich in seiner Vogelpredigt bei Bevagna liebevoll an sie und redete sie ganz selbstverständlich als seine Brüder und Schwestern an. Er lobte Gott mit ihnen und dankte für ihre Freiheit, ihr Gefieder und ihre Nahrung. Sie waren für ihn ein Sinnbild der gottesfürchtigen Sorglosigkeit und der Würde aller Geschöpfe.
Das Bild der Vögel hat auch unsere Sprache geprägt. Wenn wir sagen: „Das ist ja ein schöner Vogel!“, schwingt oft ein Blick auf Menschen mit spektakulären Lebensgeschichten, Beeinträchtigungen oder Randständige mit. In der biblischen Metaphorik und bei Franziskus sind es genau diese Vögel des Himmels, die im Senfbaum Zuflucht finden. Sie suchen keinen perfekten Schein, sondern einen Ort, an dem sie einfach sein dürfen.
Wo das Senfkorn gewachsen ist und der Sauerteig den Menschen durchdrungen hat, bricht das Reich Gottes nach außen durch. Die Zuwendung geschieht ganz natürlich: Solchen „Vögeln“ ein Nest zu geben, sie an einen festlichen Tisch einzuladen oder einem Bettler nicht nur ein paar Münzen zuzustecken, sondern ihn als Bruder zu sehen, ihm in die Augen zu schauen, ihn nach seinem Namen zu fragen und Worte der Würde zu wechseln – das ist durchsäuerter Glaube im Alltag. Die Vögel kommen von alleine, und sie gehören als Brüder und Schwestern dazu.
Guter Gott, du schenkst uns das Leben in seiner behutsamen Ordnung und lässt dein Reich zuerst tief in unserem Inneren wachsen. Wir bitten dich: Halte uns aus, wenn es in unserer Seele brodelt und dein Geist altes Denken aufwirbelt. Schenke uns Mut, erlernte Muster zu hinterfragen und deine neue Art des Lebens zu wagen. Öffne unsere Herzen für Menschen mit ihren ganz eigenen Lebensgeschichten, die bei uns Schutz und Würde suchen. Lehre uns wie Franziskus, in jedem Gegenüber einen Bruder und eine Schwester zu erkennen. Segne und behüte uns, erfülle unsere Gemeinschaft mit deiner Liebe und lass die Bäume unserer Mitte voller Vögel sein als Zeichen deines angekommenen Reiches. So segne uns der gütige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.