Das verborgene Netz, das Europas Fracht unter dem Gotthardmassiv hindurchführt
Unsichtbare Logistik
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Das verborgene Netz, das Europas Fracht unter dem Gotthardmassiv hindurchführt
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Nordportal Erstfeld im Kanton Uri, 460 Meter über dem Meer. Ein Containerzug von rund 750 Metern Länge rollt auf die Einfahrt zu, verschwindet im Fels und ist etwa 20 Minuten später auf der anderen Seite der Alpen, bei Bodio im Tessin. Wer über den Gotthard fährt, sieht davon nichts. Er sieht eine Autobahn, eine Kolonne Lastwagen und ein Bergmassiv. Der größere Teil der Güter zwischen Nord- und Südeuropa nimmt diesen Weg gar nicht: 2024 gingen 70 Prozent der alpenquerenden Gütermenge in der Schweiz über die Schiene.
Dieses Video nimmt die Achse auseinander, auf der diese Mengen laufen. Der Gotthard-Basistunnel ist mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt und das Kernstück der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale, zusammen mit dem Lötschberg- und dem Ceneri-Basistunnel. Er liegt in der Mitte des Korridors Rotterdam und Antwerpen bis Genua, rund 2500 Kilometer von der Nordsee bis ans Mittelmeer.
Wir gehen den Weg eines einzelnen Güterzugs Schritt für Schritt durch: Vorlauf vom Terminal, Trassenzuteilung durch SBB Infrastruktur, Zugbildung auf 740 bis 750 Meter, Prüfung durch Detektoren auf der Zulaufstrecke, Fahrt durch eine der beiden richtungsgetrennten Röhren mit etwa 100 Kilometern in der Stunde, Überwachung aus dem Operations Centre South in Pollegio, Weiterfahrt zu den Terminals in Norditalien. Dazu die Zahlen, die den Unterschied machen: ein Scheitelpunkt bei rund 550 Metern statt 1151 Metern wie im alten Scheiteltunnel von 1882, ein zulässiges Zuggewicht, das von 1600 auf rund 2000 Tonnen gestiegen ist, 152 Kilometer ausgebrochene Röhren für 57 Kilometer Fahrweg, 17 Jahre Bauzeit und zu Spitzenzeiten 2400 Personen auf den Baustellen.
Der eigentliche Gewinn dieses Bauwerks steckt dabei nicht in seiner Länge. Er steckt in einer Zahl, die verschwindet, und wer das einmal gesehen hat, liest jede Angabe über diesen Tunnel anders.
Danach wird es unübersichtlich. Seit 1994 steht in der schweizerischen Bundesverfassung der Auftrag, den Transit-Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern, und das Güterverkehrsverlagerungsgesetz nennt eine Zielzahl: 650 000 Lastwagenfahrten pro Jahr. Gezählt wurden 895 000 Fahrten im Jahr 2021 und 927 000 im Jahr darauf. 2024 stieg das Verkehrsaufkommen am Gotthard als wichtigstem Straßenübergang um gut 9 Prozent. Und im Berg selbst wurden 2025 von 246 verfügbaren Güterverkehrstrassen pro Tag und Richtung nur 37,5 Prozent genutzt, während die transportierte Menge über Gotthard und Simplon auf knapp 24 Millionen Tonnen fiel.
Christa Hostettler, Direktorin des Bundesamts für Verkehr, nennt den Grund beim Namen, und er liegt nicht in der Schweiz. Dazu kommt der 10. August 2023, als ein einzelner entgleister Güterzug zeigte, wie viel an diesem Mittelstück hängt.
Was das für den Alltag bedeutet, steht am Ende: der Preis einer Ware aus Norditalien, die Verlässlichkeit einer Lieferung und die Frage, wer eigentlich darüber entscheidet, ob ein Zug pünktlich in Mailand ankommt.
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